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Die alten Wunden brechen wieder auf
von Sebastian Moll / Frankfurter Rundschau / 14.02.2007

Für die Nachbarn an der 145. Straße in Queens, einem beschaulichen New Yorker Wohnviertel mit Einfamilienhäusern, war Francisco Torres der freundliche ältere Herr von nebenan. Er pflanzte in jedem Frühjahr Stiefmütterchen vor dem Haus, half der alten Dame von nebenan ihren Müll an die Straße zu bringen und besserte seine Pension mit Übersetzungen aus dem Spanischen auf. Deshalb war es ein Schock, als vergangene Woche in Queens plötzlich drei Polizeistreifen vorfuhren und Riviera in Handschellen abführten.

Francisco Torres war einer von acht Männern, alle im Alter um die 60, die in Kalifornien, New York und Florida fest genommen wurden. Ihnen wird vorgeworfen, vor 36 Jahren in einer Serie von Überfällen auf Polizeireviere in Kalifornien Polizisten kaltblütig ermordet zu haben. Francisco Torres etwa soll zusammen mit einem Komplizen in ein Polizei-Revier in San Francisco gestürmt sein und ohne Warnung um sich geschossen haben. Dabei kam der Polizist John Young ums Leben.

Den späten Zeitpunkt der Verhaftungen begründete das FBI damit, dass es erst jetzt dank moderner Fahndungsmethoden möglich geworden sei, gegen die Verdächtigen stichhaltige Beweise vorzubringen. Im Fall von Riviera sind das Fingerabdrücke auf einem Feuerzeug, das er am Tatort verloren hatte.

So wurden Torres und seine Mitangeklagten jäh aus einer sicher geglaubten bürgerlichen Existenz gerissen. Amerika wird an eine Episode seiner Geschichte erinnert, die beinahe gänzlich in Vergessenheit geraten war. Die acht Männer waren damals Mitglieder der Black Liberation Army (BLA), des militanten Zweiges der radikalen Black Panther Party. Und so muss sich Amerika - wie derzeit auch wieder Deutschland - plötzlich mit der Frage beschäftigen, ob die Gewalt-Exzesse der sechziger und siebziger Jahre verjährt sind.

Wer die BLA war, wissen heute in den USA nur noch wenige. Während Martin Luther King Jr. mittlerweile ein Nationalfeiertag gewidmet wird, sind Namen wie Huey Newton, Stokeley Carmichael und Eldridge Cleaver nur noch Leuten bekannt, die die sechziger Jahre erlebt oder sich damit intensiv beschäftigt haben. Die etablierte Geschichtsschreibung ehrt den zivilen Ungehorsam und den Mut zum gewaltfreien Widerstand. Die Tatsache, dass es einen zornigen Terrorismus von innen gab, wird hingegen gerne ignoriert.

Dabei hatte die Black Power Bewegung, aus der die Black Panthers und schließlich auch die BLA hervorgingen, Ende der sechziger Jahre in den USA eine immense Zugkraft. In seinem neuen Buch über Black Power zitiert der Journalist Peniel Joseph sogar Martin Luther King selbst, der dazu mahnte, "die Werte von Black Power ernst zu nehmen." Immer wieder geriet King so nahe an den Rand seiner Kraft und seiner Geduld, dass der radikalere Weg von Black Power ihm sehr verlockend erschien. "Macht ist nicht das Erbrecht des weißen Mannes", sagte King einmal. "Aber es wird sie niemand für uns hübsch verpacken und sie uns als Gesetzespaket freiwillig übergeben." Die Rhetorik kam der von Black Power sehr nahe.

Als Urszene von Black Power wird gemeinhin Stokeley Carmichaels Rede während des Friedensmarsches 1966 durch Mississippi gesehen, den King organisierte hatte. Carmichael war verhaftet worden, kehrte nach einer Nacht im Gefängnis zu den Marschierenden zurück und sagte: "Das ist das 27. Mal, dass ich verhaftet wurde. Und es war das letzte Mal. Die einzige Art und Weise, wie wir den weißen Mann davon abhalten können uns zu misshandeln, ist, in dem wir die Macht an uns reißen. Ab jetzt fordern wir ,Black Power'."

Carmichael wurde bald zum Vorsitzenden der Black Panther Party, die ein Jahr zuvor Huey Newton und Bobby Seale in San Francisco gegründet hatten. Ihre offizielle Ideologie war ein vergleichsweise kruder Maoismus, zeitweise vermischt mit den pan-afrikanistischen Ideen des ghanaischen Präsidenten Kwame Nkrumah und des radikalen US-Bürgerrechtlers Malcolm X. Vor allem strahlten sie jedoch wegen ihrer unbeugsamen Pose auf viele Afro-Amerikaner der Zeit eine unwiderstehlichen Anziehung aus. "Sie waren stolz, schwarz und stark. Und sie hatten eine Garderobe, von der man nur träumen konnte", erinnert sich Henry Louis Gates, heute Professor für afroamerikanische Studien in Harvard. Der schneidige Auftritt mit schwarzen Baretts, Lederjacken und engen schwarzen Rollkragenpullis, machte Newton und Carmichael zu Popikonen und inspirierte den Schriftsteller Tom Wolfe zu seinem zynischen Aufsatz über "radical chic."

Am Anfang beschränkten die Panther sich auf Selbstverteidigung. Sie wollten demonstrieren, dass sie sich gegen Polizeigewalt zur Wehr setzen würden. Als der Staat Kalifornien das Tragen von Feuerwaffen verbieten wollte, marschierten uniformierte Black Panther mit durchgeladenen Gewehren vor dem Staatskapitol auf. In schwarzen Ghettos wie Oakland umzingelten bewaffnete Panther wie aus dem Nichts Polizeistreifen und hinderten sie daran, schwarze Autofahrer anzuhalten und zu schikanieren.

Das martialische Auftreten sowie immer häufigere Feuergefechte mit der Polizei lösten Ende der sechziger Jahre eine massive Gegenoffensive aus. FBI-Chef J.Edgar Hoover identifizierte die Black Panther als die "größte innere Gefahr" für die USA und ließ die mittlerweile mehrere tausend Mitglieder starke Partei von Hunderten von Agenten unterwandern. In Chicago richtete das FBI den Panther-Anführer Fred Hampton und seine Familie in dessen Wohnung regelrecht hin.

 

Unter dem Druck des FBI spaltete sich die Partei in einen zivilen Arm, der sich geläutert gab und auf Sozialarbeit in den Schwarzenghettos konzentrierte, sowie in einen militanten, der in den Untergrund ging. Der zivile Arm unter Huey Newton fiel nach und nach den Drogenproblemen seines Anführers zum Opfer. Der militante Arm, die Black Liberation Army unter Eldridge Cleaver verschrieb sich hingegen dem bewaffneten revolutionären Kampf.

Bis 1981 kam es immer wieder Bankrauben und zu Schießereien mit der Polizei, wie etwa jene, wegen der jetzt die acht alten Männer verhaftet wurden. Das Attentat, dessen sie beschuldigt werden, galt als Rache für den Tod eines Black-Panther-Anführers, der auf der Flucht aus dem Staatsgefängnis St. Quentin erschossen worden war. Francisco Torres und und sein Bruder Gabriel Torres-Riviera waren bereits 1971 wegen des Mordes an zwei New Yorker Polizisten angeklagt, das Gericht jedoch stellte damals das Verfahren wegen Mangel an Beweisen ein.

Gerade angesichts der Tatsache, dass sich an diese Episode der amerikanischen Geschichte kaum jemand mehr erinnert, wundern sich in den USA nicht wenige, was der Staat heute noch von den alten Männern will. "Das war doch eine andere Zeit", sagt etwa Elizabeth Fink, eine Rechtsanwältin, die bereits in anderen Fällen Mitglieder der Black Liberation Army vertreten hat. "Man sollte diese Leute in Ruhe lassen." Dass die Staatsanwaltschaft 36 Jahre lang verbissen weiter ermittelte, kann Fink nicht verstehen. "Das FBI hasst bis heute diese Leute", glaubt Stuart Hanlon, der Verteidiger von Hermann Bell, einem der Angeklagten.

Die Vergangenheit ist für manche in den USA eben noch nicht vorbei. Ein wenig dürfte da bei der Ordnungsmacht wohl auch die Angst mitschwingen, dass sich schwarzer Zorn jederzeit wieder in Gewalt entladen kann. Die letzten Unruhen in schwarzen Ghettos sind schließlich erst 13 Jahre her. Im Stadtteil South Central in Los Angeles oder in den verwüsteten Straßen von New Orleans ist die Gewalt noch immer an der Tagesordnung. Die Probleme, die einst Männer wie Francisco Torres zu Terroristen hat werden lassen, sind weitgehend ungelöst.